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ISLAM UND NAHER OSTEN

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Epistemische Brüche

Schulze, Reinhard. "Der 11. September 2001 als Epochenbruch", Asiatische Studien - Études Asiatiques, vol. 76, no. 2, 2022, pp. 297-314. https://doi.org/10.1515/asia-2022-0025

In der Weltöffentlichkeit werden die Ereignisse des 11. September 2001 oft als Beginn einer neuen Epoche interpretiert. Es scheint, als ob die Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers und das Pentagon bei Washington die Initialzündung für einen Wandel nicht nur in der Welt des Nahen Ostens waren, sondern auch in die Beziehungen zwischen dem Nahen Osten, der islamischen Welt und dem Westen eingriffen. Wir sind noch weit davon entfernt, den Zeitraum, in dem sich der 11. September ereignete, als eine Zeit zwischen zwei Epochen, d. h. als eine Epochenschwelle zu definieren. Es gibt jedoch genügend Indikatoren, die es rechtfertigen, den Vorgang als Bruch einer bestehenden Epochenordnung anzunehmen. Eine Annäherung an die Frage, welche Zäsur die Ereignisse des 11. September bedeuteten und in welchem Umbruchprozess sich diese Zäsur vollzog, erfordert es, sich noch einmal vor Augen zu führen, welche Folgen und welche Hintergründe mit den Ereignissen selbst verbunden waren. Dazu werde ich in sechs Schritten vorgehen, die allerdings in sehr unterschiedlicher Breite formuliert sein werden. Ich werde mich auf die Religion, die politische Repräsentation und den sozialen Wandel konzentrieren. Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die Terroranschläge vom 11. September 2001 keine Zäsur im engeren Sinne darstellten, sondern als Teil eines tiefgreifenden sozialen, kulturellen und politischen Wandels zu interpretieren sind. Wir müssen davon ausgehen, dass dieser Wandel Teil eines globalen Bruchprozesses war und dass wir die Zeit, in der der Terror des 11. September 2001 stattfand, als Epochenbruch definieren können. Dieser Epochenbruch betrifft nicht nur epistemische Ordnungen, sondern vor allem die normative Ordnung, die durch das Gleichgewicht von Gesellschaft und Religion geprägt ist.



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